Redebeitrag zum Zug der Erinnerung in Weimar und Apolda 21. – 28. Januar 2008

Heute jährt sich die Befreiung Auschwitz‘ zum 63. mal und immer noch kann nicht die Rede davon sein, dass in Deutschland, dem Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Gräueltaten, eine Aufarbeitung dieser Geschichte stattgefunden hat. Als Nachfahren der Täter_innen in der dritten und vierten Generation, stellen wir fest, dass es nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft keinen Bruch gegeben hat, sondern einen fließenden Übergang, sowohl persönliche Macht betreffend, als auch iedeologisch. Natürlich gab es keine offene Weiterführung der nationalsozialistischen Ideologie und natürlich bedeutete die Befreiung ein Ende der Gräueltaten. Dennoch hat der erforderliche Bruch. Und so verwundert es nicht, dass heute ein Erinnerungsprojekt zur Aufarbeitung eines Teils der Deutschen Geschichte von den rechtlichen Nachfolgern der Verantwortlichen in seiner Ausführung massiv behindert wird. Dass der Zug der Erinnerung seit gestern in Weimar halt macht, ist nicht wegen, sondern trotz der Deutschen Bahn AG zustandegekommen.
Dieses Beispiel ist nur einer von vielen Fällen, bei denen Geschichte verdrängt oder umgedeutet wird. Grund genug die Ideologie des Geschichtsrevisionismus näher zu betrachten.

In der DDR entledigte man sich der Verantwortung mit Hilfe des Marxismus/Leninismus, indem man aus einem Land der Täter ein Land der Opfer machte. Der Nationalsozialismus wurde zur aggressiven Diktatur der Bourgeosie über Arbeiter und Bauern relativiert. Da man die Bourgeoisie für abgeschafft erklärt hatte und man somit auch die Bevölkerung von den Tätern befreit sah, wähnte man sich auch von jeglicher Verantwortung entledigt. Die DDR wurde zum Staat der Widerstandskämpfer. So gab es in der DDR eine unverhältnismäßige Fokussierung auf eine bestimmte Opfergruppe, in diesem Fall gab es nur kommunistische Opfer. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, verdrängte eine nationalistische Mobilisierung und der Freudentaumel über die Vereinigung eine angemessene Auseinandersetzung mit dieser Art der Geschichtsdeutung.

In der BRD, in der führende Persönlichkeiten der Nazizeit wieder in wichtige Positionen gelangt waren, beschränkte sich die Aufarbeitung auf einige wenige Prozesse gegen ehemalige Täter. Somit waren Schuld und Verantwortung auf eine kleine Führungselite im NS projeziert. Über eine Verantwortung der Bevölkerung am Vernichtungskrieg und am Judenmord wurde geschwiegen. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder waren ohnehin wichtiger als sich mit deutscher Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Vor und nach der Wende wurden in Deutschland darüber hinaus zahlreiche ideologische Tricks entwickelt, die den Nationalsozialismus relativieren und Deutschland von einer Vernatwortung befreien. Totalitarismustheorie und eine Europäisierung deutscher Geschichte, in der Kombination mit Verdrängung und Verleugnung von Schuld sind dabei beispielgebend.

Mit dem Einzug der 68er in die Parlamente setzte eine grundlegende Änderung des Geschichts- und Gedenkdiskurses ein. Auf einmal wurde offen über Auschwitz gesprochen und es schien, als würde sich die offizielle Politik einer Verantwortung stellen. Auschwitz und der Nationalsozialismus wurden aber nicht zu einem gesellschafts-historischen Mahnmal, das einen positiven Bezug auf Nation und Volk auch nur im Ansatz in Frage stellt. Vielmehr wurden sie zu einem Ereignis, aus dem man tüchtig gelernt habe und somit zu einem positiven Bezugspunkt. Weil man eben aus dem NS gelernt habe, gäbe es auch eine Berechtigung für Wiederbewaffnung und aktive Kriegsführung. Jugoslawien wurde nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz bombardiert. Einen positiven Bezug auf Deutschland und seine Geschichte gibt es auf einmal nicht mehr trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Mit dieser Art der Aufarbeitung schafft man sich einen Standortvorteil.
Weiterhin wird über die Opfer des NS nicht mehr geschwiegen, was gerade deutlich wird, durch zahlreiche Einweihungen von Denk- und Mahnmälern. Doch auch daraus wird keine Konsequenz gezogen, sondern ein ideologischer Eigennutzen. Im Kontext dieses Gedenkbusines werden auch hier die Deutschen zu Opfern, eben weil sie sich als Opfer mit Opfern solidarisieren. Wer die Täter_innen sind und die Frage nach der Motivation werden verschwiegen.

Doch wie verhält es sich mit der Geschichtsverdrängung der Deutschen Bahn AG, die in der Auseinandersetzung mit den Deportationen deutlich wurde? Die Deutsche Bahn AG als Rechtsnachfolgerin der Deutschen Reichsbahn hat kein Problem damit, den NS-Reichsverkehrsminister Dorpmüller in ehrendem Andenken zu halten. Dorpmüller war einer der zentralen Figuren, die für die Deportationen in die Vernichtungslager mit der Deutschen Reichsbahn verantwortlich zeichneten. Eine in den letzten Jahren erstellte Studie über das Wirken Dorpmüllers wurde nur zum internen Gebrauch zugelassen. Gegenüber den Veranstalterinnen äußerte die Deutsche Bahn AG, dass der „Zug der Erinnerung“ die gleiche Priorität habe wie ein Schrottransport. Für jeden Tag, den der Zug im Bahnhof verweilt, wird deshalb eine Standgebühr von 2000 Euro berechnet. In letzter Konsequenz verdient die Bahn also gleich zweifach an der Shoa: Denn den Deportierten wurde noch ihr eigener Transport in Arbeits- oder Vernichtungslager in Rechnung gestellt. Und heute kassiert der Mehdorn-Konzern ab, wenn es um die Aufarbeitung der Geschichte geht. Am Unrecht doppelt verdient!

Was sich hier manifestiert ist die Arroganz der Macht. Es ist der Versuch, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus und die Deutungshoheit fest in der Hand zu behalten. Dies entspricht den Bedürfnissen weiter gesellschaftlicher Kreise Deutschlands, die Geschichte des Nationalsozialismus entweder zu entsorgen, oder zu instrumentalisieren.